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Wüihnachten in böiser Tüit
von Karl Brüggemann

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De Lechterkerken in iusen Dörpe was jümmer geot besocht wesen. Öbber niu, in'n lesten Krüigswinter, do konn de aule Pasteoer Kiuhlmannn nau eunige leege Bänke seuhn. De paar Saldoten, de juste up Urlauw wörn, maken de Kerken nich vuller. Vürne inner euhersten Bank satt de aule Köster Stocksmeuer met süiner Frubben un den beuden grauten Jungens. Ganß stolt wörn de Aulen up ühre Jungens, de niu mol teo gluiker Tuit Verläuw kriegen hadden un in Uniform met no'er Kerken gohn wörn.

De aule Pasteoer was gar nich recht büi de Sake un auk met seck sümst nich recht teofrie. Heu moßte jümmer no den jüngsten Stocksmeuer küiken, de seck niu nau freiwillig meld hadde. Os de Kerken iut was, stond Kiuhlmann anner Kerkendür un gaw jeuden Saldoten de Hand, heu wünske ollen: "Fröhliche Wüihnachten!"

Öbber seovell frauhe Gesichter sach man garnich. De meisten wörn met ührn Gedanken in'n Feile un dachten an de Saldoten, de nich kumen können, eoder de niu oll nich mahr wierkeumen. In'n Kösterhiuse öbber strohle de Wülhnachtsbaum, un unnern Baume leugen oll de warmen Saken, de de Mamme stricket hadde. Do wörn Strümpe, Hansken, Schals, Pulswärmer, denn de Jungens mößten olle beude no Rußland.

Vells teo schwanke gingen de paar Fuierdage dohen, un baule moßte Afscheud nommen wern. Jo, un denn taug de aule grüise Olldag wier in iuse lütke Dörp, met oll suiner Arbeut un suinen Sorgen. Et diuer auk garnich lange, do liuern de beuden Aulen oll wier up de Breuwe van ühren Jungens.

Iuse Breufdreger hadde keune lichte Arbeut, denn heu moßte doch faken vellen Famüiljen eune schlechte Nohricht bringen. Seo was et auk eunes Dages in'n Kösterhiuse. Do kamm eun Breuf, öbber up seo eunen hadden seu nich Iiuert. Do stond denn inne, datt ühr öllste Junge nich wierkamm. "Auf dem Felde der Ehre gefallen!" Jo, dat stond auk graut in den Breuwe. De aule Köster ging in'n Goorn un sette seck do inner Läuben uppe Bank, heu moßte met süinen Gedanken olleine süin. De Mamme öbber ging inne besten Stoben, namm dat Bild van ührn Öllsten vanner Wand, bekeik et lange un grein. Dat was niu dat Leste, wat seu nau van düssen Jungen hadde. Et was eune beuse Tuit för olle. Van den jüngsten öbber kamm keune Nohricht.

De Krüig ging denn teo Enne, un eunige weunige keumen wier no Hius. Et wort Winter, un de Luie güngen wier no'er Lechterkerken. Pasteoer Kiuhlmann versochte van süiner Kanzel iut, Traust teo bringen, öbber dat was düget schwor. Dat "0, du fröhliche", hadde nau jümmer eunen bittern Nogeschmack.

Denn keumen de Flüchtlinge, un dorümme was de naichste Lechterkerken wier vuller. No langer, langer Tuit keumen de euhersten Gefangenen iut Rußland truijje. Do fohrn de aulen Stocksmeuers met vellen anneren no'n Lager "Friedland" un stellen seck do in de langen Rüije un häulen dat Bild van ührn Jüngsten haug un frogen un frogen, keuner konn Nohricht giewen. Os seu denn no Dagen wier in'n Hiuse wörn, do see de Mamme: "Et es niu geneog. luse Junge liebet nich mahr, heu kümmt auk nich wier. Eck goh nich wedder hen un no’er Kerken goh eck auk nich mahr. Eck sin et leid, datt müi olle seo graut un weuhleidig anküiket. Et es niu geneog!" Jo, un dobüi bleiw et denn auk.

De aule Stocksmeuer öbber ging foider no suiner Kerken un dachte nau jümmer, datt suin Junge eunes Dages doch nau wierkeume. Obber mänjet Mol, denn hader heu doch met süinen Herrgott un froge wal in suiner Naut: „Jo, was denn de eune nau nich geneog? Mott de annere auk nau verderben?" Blaus wenn denn inner Ümmegiegend mol wier euner iut Rußland truijjekam, denn hadde heu wier Hoppnunge, und Hoppnunge lött nich teo Schanne wern.

Wier was et Wüihnachten worn, un wier güngen de Luie no'er Lechterkerken. Pasteoer Kiuhlmann stund upper Kanzel un vertelle süiner Gemeunde de Wüihnachtsgeschichte. Dat make heu jümmer up plattduitsk, denn heu meune, seo eune wunnerscheune, aule Geschichte mößte auk in auler Sproke vertellt wern. Seo reup heu denn in süine Kerken: "Et was öbber teo der Tuit, do leut de Keuser Augustus eun Gebott verkünnen, datt olle Luie seck indregen moßten." Seowuit was heu kumen, do ging naumol de Kerkendür, un denn kamm euner dür den Middelgang.

Eunen aulen, langen, briunen Mantel hadde heu ümme, eune Russenmüssen uppen Koppe, inner rechten Hand eunen derben Stock, up den heu seck stütte, de linke Ärmel was leg un heng schlapp harunner. Seo hümpel heu bet vör'n Altar. Do leut heu den Stock fallen un dreihe seck ümme - et was Kösters Jüngster. De Pasteoer kamm van'er Kanzel un begruiße den jungen, un denn kamm auk de aule Köster iut suiner Bank. Heu konn nicks söjjen, öbber lange, lange leugen seck de beuden in'n Armen.

De Kerkluie wörn upstohn, un niu hät iuse aule scheune Wülhnachtsleud: "O, du fröhliche" niemols wier seo klungen, os in düsser Lechterkerken. De aule Stocksmeuer es denn no Hius gohn, ümme düsse frauhe Nohricht teo öbberbringen. Ganß sachte moßte heu dat deon, domet de Mamme nich teo Schaen kamm.

Os de Kerken iut was, güngen nau velle met bet no'n Kösterhiuse. Seu wollen gerne met dobüi süin. Os öbber de Mamme ührn Jungen in'n Arme hadde un nich wier lausloten woll un os denn nau den Trainen doch de Froide kamm, güngen olle teofrie no Hius.

Pasteoer Kiuhlmann öbber reup inner laten Kerken suiner Gemeunde teo:

"Et es Wüihnachten worn in iusen Dörpe!"

Zur Lektion 4 gehören noch:
Das Büblein auf dem Eis hier
Weinachten in böser Zeit hier
Lied Wüihnachten jümmer? hier
De Vörwüihnachtstüit hier
Dat hauge Fest hier
Homa und Hopa hier

 

Die Lichterkirche in unserem Dorf war immer gut besucht gewesen. Aber nun, im letzten Kriegswinter, da konnte der alte Pastor Kuhlmann noch einige leere Bänke sehen. Die paar Soldaten, die gerade auf Urlaub waren, machten die Kirche nicht voller. Vorne in der ersten Bank saß der alte Küster Stocksmeier mit seiner Frau und den beiden großen Jungen. Ganz stolz waren die Alten auf ihre Jungen, die nun mal zu gleicher Zeit Urlaub bekommen hatten und in Uniform mit zur Kirche gegangen waren.

Der alte Pastor war gar nicht recht bei der Sache und auch mit sich selbst nicht recht zufrieden. Er musste immer zu dem jüngsten Stocksmeier gucken, der sich nun noch freiwillig gemeldet hatte. Als die Kirche aus war, stand Kuhlmann an der Kirchentür und gab allen Soldaten die Hand, er wünschte allen: „Frohe Weihnachten!“

Aber so viele frohe Gesichter sah man gar nicht. Die meisten waren mit ihren Gedanken beschäftigt und dachten an die Soldaten, die nicht kommen konnten, oder die nun alle nicht mehr wiederkamen. Im Küsterhaus aber strahtle der Weihnachtsbaum, und unter dem Baum lagen all’ die warmen Sachen, die die Mama gestrickt hatte. Da waren Strümpfe, Handschuhe, Schals, Pulswärmer, denn die Jungen mussten alle beide nach Russland.

Viel zu schnell gingen die paar Feiertage dahin, und bald musste Abschied genommen werden. Ja, und dann zog der alte graue Alltag wieder in unser kleines Dorf, mit all’ seiner Arbeit und seinen Sorgen. Es dauerte auch gar nicht lange, da warteten die beiden Alten schon wieder auf die Briefe von ihren Jungen.

Unser Briefträger hatte keine leichte Arbeit, denn er musste doch oft vielen Familien eine schlechte Nachricht bringen. So war es auch eines Tages im Küsterhaus. Da kam ein Brief, aber auf so einen hatten sie nicht gewartet. Da stand dann drin, dass ihr ältester Junge nicht wiederkam. „Auf dem Felde der Ehre gefallen!“ Ja, das stand auch groß in dem Brief. Der alte Küster ging in den Garten und setzte sich da in der Laube auf die Bank, er musste mit seinen Gedanken allein sein. Die Mama ging in die beste Stube, nahm das Bild von ihrem Ältesten von der Wand, beguckte es lange und weinte. Das war nun das letzte, das sie von diesem Jungen hatte. Es war eine böse Zeit für alle. Von dem Jüngsten aber kam keine Nachricht.

Der Krieg ging dann zu Ende, und einige wenige kamen wieder nach Haus. Es wurde Winter, und die Leute gingen wieder zur Lichterkirche. Pastor Kuhlmann versuchte von seiner Kanzel aus, Trost zu bringen, aber das war sehr schwer. Das „Oh, du Fröhliche“ hatte noch immer einen bitteren Nachgeschmack. Dann kamen die Flüchtlinge, und darum war die nächste Lichterkirche wieder voller. Nach langer, langer Zeit kamen die ersten Gefangenen aus Russland zurück. Da fuhren die alten Stocksmeier mit vielen anderen zum Lager „Friedland“ und stellten sich in die lange Reihe und hielten das Bild von ihrem Jüngsten hoch und fragten und fragten, keiner konnte Nachricht geben. Als sie nach Tagen wieder im Hause waren, da sagte die Mama: „Es ist nun genug. Unser Junge lebt nicht mehr, er kommt auch nicht wieder. Ich bin es leid, dass mich alle so groß und wehleidig angucken. Es ist nun genug!“ ja, und dabei blieb es dann auch.

Der alte Stocksmeier aber ging weiter zu seiner Kirche und dachte noch immer, dass sein Junge eines Tage doch noch wiederkäme. Aber manches Mal, dann haderte er doch mit seinem Herrgott und fragte wohl in seiner Not: „Ja, war denn der eine noch nicht genug? Muss der andere auch noch verderben?“ Bloß wenn dann in der Umgebung mal wieder einer aus Russland zurückkam, dann hatte er wieder Hoffnung, und Hoffnung ließ nicht zur Schande werden.

Wieder war es Weihnachten geworden, und wieder gingen die Leute zur Lichterkirche. Pastor Kuhlmann stand auf der Kanzel und erzählte seiner Gemeinde die Weihnachtsgeschichte. Das machte er immer auf plattdeutsch, denn er meinte, so eine wunderschöne, alte Geschichte müsste auch in alter Sprache erzählt werden. So rief er dann in seiner Kirche: „Es war zu der Zeit, da ließ der Kaiser Augustus ein Gebor verkünden, dass alle Leute sich eintragen mussten.“ So weit war er gekommen, da gin einmal die Kirchentür, und dann kam einer durch den Mittelgang.

Einen alten, langen, braunen Mantel hatte er um, eine Russenmütze auf dem Kopf, iner der rechten Hand einen gossen Stock, auf den er sich stützte, der linke Ärmel war kaputt und hing schlapp herunter. So humpelte er vor den Altar. Da ließ er den Stock fallen und drehte sich um – es war Küsters Jüngster. Der Pastor kam von der Kanzel und begrüßte den Jungen, und dann kam auch der alte Küster aus seiner Bank. Er konnte nichts sagen, aber lange, lange lagen sich die beiden in den Armen.

Die Kirchenbesucher waren aufgestanden, und nun hatte unser altes schönes Weihnachtslied „Oh, du Fröhliche“ niemals wieder so schön geklungen, als in dieser Lichterkirche. Der alte Stocksmeier ist dann nach Haus gegangen, um diese frohe Nachricht zu überbringen. Ganz vorsichtig musste er das tun, damit die Mama nicht zu Schaden kam.

Als die Kirche zu Ende war, gingen nun viele mit bis zum Küsterhaus. Sie wollten gern mit dabei sein. Als aber die Mama ihren Jungen im Arm hatte und nicht wieder loslassen wollte und als dann nach den Tränen doch die Freude kam, gingen alle zufrieden nach Haus.

Pastor Kuhlmann aber rief in der späten Kirche seiner Gemeinde zu:

“Es ist Weihnachten in unserem Dorf geworden!“